Conference: Aventiuren in Aschkenas. Jüdische Aneignungen nichtjüdischer Texte und Erzählstoffe im vormodernen Europa

Die Auffassung, dass Juden und Christen im mittelalterlichen und frühneuzeitlichen West- und Mitteleuropa (‚Aschkenas‘) in streng voneinander geschiedenen Gemeinschaften gelebt hätten, wurde von der Forschung in den letzten beiden Jahrzehnten zunehmend revidiert. Heute geht man davon aus, dass Phänomene des Kulturtransfers eher die Regel als die Ausnahme darstellten. Ausgetauscht wurden nicht nur materielle Güter und Dienstleistungen, sondern auch literarische Stoffe und Texte. Davon zeugt beispielsweise eine Vielzahl von vor allem jiddischen Erzählungen und Romanen, die auf mittelalterlichen oder frühneuzeitlichen deutschen, niederländischen, französischen oder italienischen Vorbildern beruhen. Diese zwischen dem 13. und dem 17. Jahrhundert entstandenen jüdischen Adaptationen von Texten und Stoffen nichtjüdischer Provenienz stehen im Mittelpunkt der Tagung. Gefragt wird – ausgehend von der Forschung zum verwandten Konzept der 'adaptation courtoise' –, wie die Texte beim Wiedererzählen verändert wurden und inwiefern sich aus ihrer Machart ablesen lässt, dass sie in einem anderen Kontext und für ein anderes Publikum produziert wurden als ihre Vorlagen. In welcher Form werden darin Wünsche nach Teilhabe oder nach Differenz verhandelt? Welche Aussagen lassen sich aus unterschiedlichen Erzählweisen in christlichen und jüdischen, höfischen und städtischen, elitären und weniger elitären, mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Milieus etc. ableiten?

Ziel der Tagung ist es, jüdische literarische Aneignungspraktiken zu beschreiben und zu interpretieren und dabei aus der Verschränkung germanistischer, judaistischer und jiddistischer Perspektiven neue Erkenntnisse über jüdisches Schreiben und Leben in der europäischen Vormoderne zu gewinnen.

Die Tagung wird veranstaltet vom Institut für deutsche Literatur der Humboldt-Universität zu Berlin in Kooperation mit dem Zentrum Jüdische Studien Berlin-Brandenburg und der Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum.

Interessierte Zuhörerinnen und Zuhörer sind herzlich willkommen. 

 

Montag, 10. März 2014
(Zentrum Jüdische Studien Berlin-Brandenburg, Sophienstraße 22a, Raum 1.01)

15.00 Uhr: Christina von Braun (ZjS Berlin): Grußwort
Astrid Lembke (Berlin): Einführung

15.30 – 16.15 Uhr: Martin Przybilski (Trier): Die Sprachenvielfalt jüdisch-christlicher Kontakte in Aschkenas

16.15 – 17.00 Uhr: Nataša Bedeković (Frankfurt/Main): Âventiure Orient. MS London (Jews‘ College no. 145) und der 'Straßburger Alexander' im Vergleich

17.00 – 17.30 Uhr: Kaffeepause

17.30 Uhr: Jerold C. Frakes (Buffalo, NY): Brautwerbungsepen auf den altjiddischen Kopf gestellt

anschließend: Empfang im Zentrum Jüdische Studien Berlin-Brandenburg

Dienstag, 11. März 2014
(Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum, Oranienburger Str. 28/30, Seminarraum im 1. OG)

09.15 – 09.30 Uhr: Hermann Simon (Centrum Judaicum): Grußwort

09.30 – 10.15 Uhr: Saskia Dönitz (Berlin): Flavius Josephus im jiddischen Gewand

10.15 – 11.00 Uhr: Claudia Rosenzweig (Ramat Gan): The Widow of Ephesus. Examples of Yiddish Rewritings

11.00 – 11.30 Uhr: Kaffeepause

11.30 – 12.15 Uhr: Matthias Däumer (Gießen): Der zeugende Onan. Von Geburt und Namensgebung der satirischen Helden im westjiddischen Roman

12.15 – 13.00 Uhr: Annegret Oehme (Durham, NC): Spinoza in Love. Überlegungen zu zeitgenössischen Diskursen über Affekte und Subjektivität in der jiddischen 'Magelone'-Adaption

13.00 – 14.30 Uhr: Mittagspause

14.30 – 15.15 Uhr: Wiebke Rasumny (München): ‚vi ayn melekh hot ayn ayntsign zun un hot in nit tarbes lozn lernen‘. Ein Schwank, aus der Distanz erzählt

15.15 – 16.00 Uhr: Ruth von Bernuth (Chapel Hill, NC): Schabbat ha-Bahurim, oder Jung und Jüdisch im Worms der Frühen Neuzeit 

Kontakt:

Astrid Lembke

Institut für deutsche Literatur, Unter den Linden 6
10099 Berlin
030-2093-9707

astrid.lembke@hu-berlin.de

Date: 
10 March 2014 - 11 March 2014
10 Mar 2014
11 Mar 2014
Europe/Berlin